What the blood desires

Titel: What the blood desires
Autor: Shahar Jones
Genre: Slash, Romance, Horror, Adventure, Friendship, AU
Rating: NC-17

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Ziellos lief John durch die Gegend. Das Gespräch mit Rodney, besonders aber dieser Kuss beschäftigte ihn noch immer. Immer wieder fragte sich John, ob er nicht zu schnell vorgegangen wäre, ob er sich nicht hätte mehr beherrschen können, ob er Rodney damit schon zum größten Teil für sich und sein Vorhaben gewonnen oder doch eher vergrault hätte.

Unbewusst bog er in Richtung Moor ab, schlenderte noch einige Schritte weiter, bevor er sich auf einem Baumstumpf niederließ und versuchte wieder Ruhe in seinen Geist und seine Gedanken zu bringen. Sein Blick glitt für einen Augenblick in Richtung Himmel und er musste sofort wieder an Rodneys blaue Augen denken, die im Schein des Kaminfeuers ähnlich wie die Sterne funkelten. Verdammt er konnte diesen Mann nicht einmal für einen Moment aus dem Kopf bekommen. Doch Johns leiser Fluch wurde durch ein knackendes Geräusch, das aus dem waldigen Moor vor ihm kam, unterbrochen…

Sheppard zu folgen, ohne dass dieser ihn bemerkte, war gar nicht so einfach, denn zum einen sah der Mann sich ständig um, wohl um sicher zu gehen, dass ihn niemand sah, und zum anderen machte es ihm das Gelände und der Wald nicht gerade einfach. Er war froh einen kleinen Weg neben einem Bach gefunden zu haben und folgte ihm weiter, bis er glaubte, eine kleine Pause einlegen zu müssen um kurz zu verschnaufen. Er konnte nicht mehr, auf nächtlichen Orientierungslauf hatte ihn sein Bürojob nicht vorbereitet.

Gerade als Rodney dachte, er könne nicht mehr, er würde Sheppard doch noch verlieren, fiel ihm auf, dass der Wald endete und in ein Moorgebiet überging. Es waren kaum noch Bäume vorhanden, die seine Sicht behinderten und so konnte er Sheppard dank des Mondlichts gerade noch in einiger Entfernung ausmachen.

Rodney seufzte erleichtert auf, atmete noch einige Male tief durch und hatte dabei auch gleich einen Fehler begangen. Nur für einen winzigen Augenblick hatte er in den Sternehimmel gesehen, doch es reichte aus, um Sheppard schon wieder aus den Augen zu verlieren. Rodney fluchte und wollte gerade wieder weitergehen, als ein Schrei erklang. Es war eigentlich eher ein Schrei, der sich in ein Heulen verwandelte, dass die Finsternis durchquerte und aus allen Richtungen zu kommen schien.

Und plötzlich war es wieder still.

Sekundenlang stand Rodney wie gelähmt an Ort und Stelle, dann hechtete er hinter das nächste Gebüsch. Seine Glieder zitterten regelrecht und seine Nackenhaare sträubten sich. Die ganze Zeit über hatten immer irgendwo Frösche in einem Tümpel gequakt, Grillen gezirpt, gelegentlich auch mal eine Eule geheult, aber jetzt war es totenstill. Rodney zitterte immer heftiger und es lag wohl nicht an der Kälte. Kein Mensch hätte so geschrien, wenn er stolperte, hinfiel, oder sich gar Fledermäuse in Haaren oder Kapuzen verfingen. So schrie man … wenn man ermordet wurde. Grauenhaft ermordet.

In seinem Inneren lauschte Rodney dem Schrei nach. Es war ganz eindeutig eine Frau gewesen. Doch aus welcher Richtung kam der Laut? Womöglich aus der Richtung, in die Sheppard gegangen war?

Rodney hatte nun zwei Möglichkeiten: Entweder, er versuchte so schnell wie möglich und mit heiler Haut wieder zum Haus zurück zu kommen, wo er Gefahr lief, einem vermeintlichem Vampir zu begegnen, oder blieb hier im Gebüsch sitzen und wartete auf den Sonnenaufgang und womöglich auch auf einen Mörder, der ihn aufspüren konnte. Und wenn es gar keinen Mörder gab, sondern nur wilde Tiere, die jemanden angefallen haben? Dann wäre es wohl keine gute Idee, sich hinter irgendwelchen Gebüschen zu verstecken, in denen auch noch Unmengen an Ungeziefer an einem nagen würden. Vielleicht brauchte auch jemand Hilfe?

Rodney fluchte über sich und seine Idee, mitten in der Nacht durch Wälder und Wiesen zu streifen, nur um einer verrückten Theorie nachzugehen. Vorsichtig kroch er wieder aus dem Gebüsch, sah sich allen Seiten um, straffte sich und setzte seinen Weg in Richtung des Schreis fort. Er war nervös und sah sich noch achtsamer um, als er ohne hin schon war und griff nach seiner Waffe, die er sicherheitshalber mitgenommen hatte.

Rodney hatte sie noch nie benutzt und zweifelte nun ob er sie überhaupt richtig benützen konnte. Vielleicht waren es auch die Selbstzweifel. Hatte er das Teil möglicherweise nur eingesteckt, um seine Nerven zu beruhigen? Könnte er überhaupt wirklich auf Sheppard schießen oder auch nur zielen?

Kaum war er ein paar hundert Schritte in das Moor hinein gelaufen, blieb er wie angewurzelt stehen und blickte sprachlos auf die grauenhafte Szenerie, die sich einige Meter vor ihm abspielte. Vollkommen regungslos lag ein weißer Körper auf dem Boden. Es war eine Frau und sie war nackt. Und mit ziemlicher Sicherheit war sie auch tot. Neben ihr kniete ein Mann, gekleidet in einen dunklen Mantel. Sein Haar war schwarz und stand am Oberkopf in alle Richtungen ab.

John Sheppard!

Nein! Das durfte doch nicht sein! Er hatte Sheppard doch nur für wenige Minuten aus den Augen verloren! Rodney keuchte auf und wollte nicht wahrhaben, was vor seinen Augen war.

Durch das Keuchen aufmerksam geworden erblickte Sheppard Rodney und sprang auf. Rodneys Griff um die Waffe verstärkte sich und er sah sich gehetzt um. Er konnte sich nirgends verstecken, die Gebüsche würden ihm nicht ausreichend Deckung geben und abgesehen davon, hätte Sheppard ihn ohnehin schnell eingeholt.

„Sie?! Was zum Teufel machen Sie hier?!“, rief John aufgebracht.

Rodney hob die Waffe und zielte auf John, als dieser auf ihn zukommen wollte. „Stehen bleiben oder … oder ich schieße!“

„Ich habe Sie gefragt, was Sie hier machen!“, fauchte John ihn an. „Sind Sie verrückt geworden, mitten in der Nacht hier im Moor herumzulaufen? Wissen Sie, wie gefährlich das ist?!“

„Ja, das sehe ich“, erwiderte Rodney und versuchte seine Stimme fest klingen zu lassen, als er mit dem Kopf auf die tote Frau wies.

„Gut“, meinte John grimmig, „Genauso könnte es Ihnen auch gehen.“

„Ach?“, kam es heiser von Rodney.

Es brach ihm fast das Herz. Offenbar waren die Storys der Stadtleute und sein eigener Verdacht wohl doch wahr. Bis zuletzt hatte Rodney sich eingeredet, dass die Stadtleute einen Sprung in der Schüssel hätten, dass es sich um ein Missverständnis handelte oder dass er selbst mal wieder mit seiner regen Fantasie zu kämpfen hatte. Aber die tote Frau legte andere Rückschlüsse nahe.

John sah mit einem nicht deutbaren Blick auf die Leiche der jungen Frau und Rodney folgte seinem Blick.

Sie war sehr schlank, ihre Haut fast unnatürlich weiß und ihr langes blondes Haar breitete sich über dem grasigen Boden wie ein Fächer aus. Sie war eine wunderschöne Frau und Rodney glaubte, ein Lächeln auf ihren Lippen zu erkennen. Wären auf ihrem Hals nicht diese blutigen Male, hätte man glatt glauben können, dass sie nur schliefe. Das Schlimmste allerdings war der hölzerne Pfahl, der in ihrem Herzen steckte. Rodney musste würgen und schlucken.

„Ich war das nicht“, sagte Sheppard. „Die Bisswunden sind zumindest nicht von mir.“

„Sie werden trotzdem da stehen bleiben!“

Rodney fuchtelte mit der Waffe vor Sheppard herum, in der Hoffnung ihn so genügend einschüchtern zu können. Doch es schien bei John nicht die gewünschte Reaktion hervorzurufen, denn John schnaubte.

„Ich warne Sie! Sie ist mit silbernen Kugeln geladen!“, informierte Rodney ihn vorsichtshalber.

„Silberne Kugeln? Für was halten Sie mich denn? Für einen Werwolf?“

„Nein. Ich halte Sie für einen Vampir.“

John prustete kurz lachend auf.

„Die ganze Stadt hält Sie für einen Vampir und jetzt dürfte es wohl bewiesen sein.“

Rodneys Stimme war durchdrungen von unbeirrbarer Überzeugung, zugleich aber auch von tiefster Verzweiflung.

„So ein Blödsinn!“

„Erinnern Sie sich? Ich habe mir gestern Abend in den Finger geschnitten“, hielt er ihm entgegen, „Und Sie waren drauf und dran an meinem Finger zu lutschen!“

„Ich hätte lieber an etwas ganz anderem …“ Sheppard hielt inne, und schloss gequält die Augen, bevor er sich wieder fing. „Hören Sie auf mit diesem Blödsinn!“

„Sie werfen keinen Schatten …«, fuhr Rodney unbeeindruckt fort.

„Ist im Dunkeln auch ein bisschen schwierig“, entgegnete John leicht lächelnd.

„Und Ihre Augen leuchten … Grün!“

„Grün?“

„Wie bei einem Wolf, oder sowas…“ -Nur viel schöner-, hätte er fast beigefügt, aber er konzentrierte sich wieder, “… und Sie spiegeln sich nicht im Fenster!“, triumphierte er.

„Im Fenster?“ Nun schien Sheppard sichtlich erschüttert, fühlte er sich doch tatsächlich etwas ertappt.

„Beweisführung abgeschlossen!“, sagte Rodney abschließend. „Ich werde jetzt zum Haus zurückgehen, meine Koffer packen und dann verschwinden und Sie … Sie werden mich nicht aufhalten. Sie können sich ja in Ihren Sarg legen oder in Ihre Gruft gehen.“

„Den Teufel werde ich tun!“, brauste Sheppard auf und ging schnell zu Rodney, um ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen.

„Stopp! Ich warne Sie! Ich … ich werde schießen!“ Rodneys Stimme klang nun gar nicht mehr so sicher und fest, eher etwas ängstlich. Was hauptsächlich daran lag, dass er wohl niemals den Mut haben würde, auf ihn zu schießen. Ob Vampir oder nicht, er mochte diesem Mann. Er mochte ihn sogar sehr. John blieb stehen, als er sah, wohin Rodney zielte. Es war eine sehr sensible Stelle und das gefiel ihm gar nicht.

„Das ist keine der sonst üblichen Stellen, auf die man sonst mit einer solchen Waffe zielt“, sagte er mit einer leicht tadelnden Stimme und fuhr fort: „Es wird mich zwar nicht töten, Rodney, aber es wird wohl sehr unangenehm werden und verteufelt wehtun. Also, geben Sie mir lieber die Waffe, bevor Sie etwas tun, was Sie später womöglich bereuen. Außerdem denke ich nicht daran, Sie alleine durch das Moor und den Wald zurück laufen zu lassen. Wer das hier getan hat“, er richtete einen anklagenden Finger auf die tote Frau, „wird keine Hemmungen haben, Sie ebenfalls zu töten.“

„Jemand anderer ist aber nicht hier“, meinte Rodney fast schon automatisch, denn sein Kopf war mit etwas anderem beschäftigt. Hatte Sheppard ihn eben tatsächlich Rodney genannt? Sein Herz machte doch glatt einen kleinen Sprung. Doch Rodney rief sich zur Ordnung. Er befand sich noch immer in einer mehr als obskuren Situation und durfte sich nicht ablenken lassen.

Sheppard warf ihm einen wütenden Blick zu, drehte sich dann aber schnell um und ging zu der Ermordeten zurück.

Rodney musterte alles ganz genau. An Sheppards Kleidung konnte er keine Blutspuren erkennen, auch in seinem Gesicht um seinen Mund herum war nichts Auffälliges zu sehen. Das weiße Hemd, dass er unter seinem lagen schwarzen Mantel trug war noch immer sauber und blütenweiß. Nur seine Hände waren blutverschmiert, aber dafür gab es ja eine logische Erklärung.

Immer noch misstrauisch beobachtete er Sheppard, doch er beachtete ihn nicht weiter, sondern bückte sich nach der jungen Frau und hob sie mit einer Leichtigkeit auf seiner Arme, die Rodney überraschte. Haltlos rollte der Kopf der Tote zur Seite und man konnte die grauenvoll blutigen Löcher am Hals nun genauer sehen. Vampirzähne hatten da ohne Mitleid das Leben aus ihr gesaugt. Rodney unterdrückte abermals ein Schaudern und Würgen, seine Übelkeit verschwand aber nicht.

„Wo bringen Sie die Frau jetzt hin? In eine Gruft? In Ihren Sarg oder doch eher … in Ihren Keller?“

Vollkommen fassungslos starrte John ihn an, bevor er kopfschüttelnd losging, knapp an Rodney vorbei, dann aber plötzlich stehen blieb.

„Was riecht denn hier so?“

Rodney schnupperte ebenfalls in verschiedenen Richtungen, zuckte dann aber mit den Achseln.
„Keine Ahnung. Ich rieche nichts. Vielleicht ist es der Waldboden oder irgendeine Pflanze.“

„Nein … es ist … Knoblauch!“, rief John, sah ihn zunächst mit großen Augen an, bevor sich dann ein winziges schelmisches Lächeln auf seinen Lippen bildete, das Rodney fast um den Verstand brachte.

„Sie schleppen doch nicht etwa Knoblauch mit sich rum, oder?“

„Ähm … ich … äh … eine Knoblauchkette. Eine alte Frau hat sie mir in der Stadt gegeben“, erwiderte Rodney.

„Hm … gut informiert. Nur zu schade, dass ich Knoblauch liebe.“

Rodneys Augen wurden kugelrund.

„Zumindest im Essen. Ich mag es nur nicht, wenn Leute danach riechen“, erklärte John und ging weiter, während Rodney innerlich fluchte.

So ein verdammter Mist!
Es hätte gut ein weiterer Beweis dafür werden können, dass Sheppard ein Vampir war, aber der Kerl mochte Knoblauch. Auch wenn er in manchen Büchern und auf einigen Webseiten gelesen hatte, dass die Annahme, Knoblauch würde Vampiren schaden, antiquiert und überholt war, hatte er bis zuletzt gehofft, einen halbwegs funktionierenden Schutz zu haben. So musste er sich doch auf seine Waffe verlassen, die er immer noch in der Hand hielt.

John drehte sich um, als Rodney offenbar noch immer keine Anstalten machte, ihm zu folgen.

„Rodney? Was ist? … Hören Sie, im Moment brauchen Sie wirklich keine Angst zu haben. Schon gar nicht vor mir“, meinte John, wobei seine Worte nur so vor Sarkasmus trieften, „Ich habe vor kurzen erst reichlich zu Abend gegessen und bin wohl für eine ganze Weile satt.“

Rodney verschränkte die Arme und schnaubte etwas, von dem er hoffte, dass John es nicht wirklich mitbekommen hatte. „Ich komme nicht mit!“, erklärte er dann laut – und wie er hoffte – würdevoll.

„Und wie Sie das werden!“

„Damit Sie mich auch umbringen? Ich denke nicht, nein.“

„Ich werde Sie nicht umbringen“, knurrte John gereizt. „Ich habe überhaupt kein Interesse daran, Sie tot zu sehen. Sie können hier aber nicht alleine zurück bleiben. Es ist zu gefährlich. Er könnte noch in der Nähe sein.“

„Er? Wer er?“

John atmete tief durch, schloss seine Augen für einen Moment, während seine Kiefer mahlten.

„Der verfluchte Vampir, der diese Frau umgebracht hat“, knurrte John zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, drehte sich wieder um und stapfte los, weiter in das Moor hinein.

Rodneys Griff um die Waffe verstärkte sich. Argwöhnisch sah er sich um bevor er ihm eilig hinterher lief.

„Dann ist es also wahr? Es gibt Vampire?“, fragte er unsicher, während er hinter ihm her trottete.

Keine Antwort.

„Und … und Sie waren es wirklich nicht?“

Wieder keine Antwort.

„Haben Sie ihr das Holz rein gerammt? Damit sie nicht auch zu einem Vampir wird? Meinten Sie das, als Sie sagten, zumindest die Bisswunden seien nicht von Ihnen?“

„Sie haben sich wirklich gut informiert, hm?“, meinte John, als er den Kopf zu ihm wandte und ihn kurz aber eindringlich musterte.

„Sie haben eine sehr gut sortierte Bibliothek und Google war ebenfalls sehr hilfreich“, gab Rodney schulterzuckend zurück.

„Das hat man wohl davon, wenn man allzu neugierige Gäste aufnimmt“, sagte John verdrießlich und beschleunigte seine Schritte.

Sie drangen immer tiefer in das Moor vor. Trotz des fahlen Mondscheins, stolperte Rodney mehrmals über Wurzeln und Steine und fluchte unablässig.

Sheppard hingegen schien mit seinen glühenden Augen zu sehen, als sei es taghell. Als Rodney schon zum x-tenmal strauchelte und fast hinfiel, blieb John stehen.

„Meine Güte, halten Sie sich an mir fest. Ich habe echt keine Lust, Sie auch noch zu tragen, weil Sie sich den Fuß verstaucht oder irgendeinen Knochen gebrochen haben.“

„Nein, es geht schon“, gab Rodney eingeschnappt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

John schüttelte abermals mit dem Kopf und setzte seinen Weg fort. Rodney strengte sich an, versuchte in die gleichen Stellen wie Sheppard zu treten und sich seinem Gang anzupassen. Es schien gut zu funktionieren und endlich erreichten sie ein Gebiet, das noch nasser zu sein schien, als das Moor, das sie zuvor durchquert hatten.

„Wohin gehen wir eigentlich?“, fragte er.

„Wir sind schon fast da. Hier gibt es ein paar Sumpflöcher, nur wenige, aber zumindest sind sie tief genug.“

Sheppard schritt zielbewusst noch ein paar Schritte weiter, während Rodney bis zu den Knöcheln im Wasser versank. Angewidert verzog er das Gesicht und gab missbilligende und aufstöhnende Laute von sich. Durch den Mond wurde die gespenstische Szene noch unheimlicher und Rodney stellte schaudernd fest, dass dieser Ort nichts mehr mit der sonst lieblichen Moorlandschaft, in der Sträucher und Wiesenblumen wuchsen, zu tun hatte.

Überall ragten abgestorbene Bäume oder Baumstümpfe heraus, an den Ästen hingen Spinnweben und Moosflechten baumelten daran. Und dann, als sei das alles nicht schon schlimm genug, sah er auch noch, wie sich etwas auf der Wasseroberfläche bewegte. Vielleicht ein Aal oder eine Schlange? Allerdings wich das Vieh fliehend vor Sheppard zurück. Als ob es ihn fürchtete.

Sheppard deutete auf eine Stelle. „Das ist die beste Stelle. Hier ist das Moor so tief wie ein See und nichts, was hierin versinkt, taucht je wieder auf.“

Hier? Tief wie ein See? Wunderbar! Rodney spürte, wie der Boden unter seinen Schuhen nachzugeben schien.

„Wir versinken hier!“

„Nein, werden wir nicht. Ich sagte ja, Sie sollen sich an mir festhalten.“ John warf ihm einen spöttischen Blick zu. „Vampire versinken nicht im Moor, wissen Sie.“

„Oh wie schön für Sie. Ich bin aber kein Vampir!“ Seine Hose war schon bis zu den Knien nass und schleimig und bei jedem Schritt den er tun wollte, ertönte ein ekelhaftes, schmatzendes Geräusch.

„Was nicht ist, kann noch werden“, erwiderte John zynisch und drehte sich von Rodney weg.

Rodney hatte schon seine Hand nach Sheppard ausgestreckt, als ihn diese brutale Äußerung derart erschreckte, so dass er der Länge nach in die stinkende Brühe fiel.

Rodney wollte den Mund öffnen, um seinem Unmut hinaus zu lassen, bekam aber sofort einen kräftigen Schwall Sumpfwasser hinein und wollte husten, was aber nicht wirklich ging, weil immer wieder torfiges Wasser nach floss. Verzweifelt versuchte er sich aufzurappeln, doch der Sog hatte ihn fest im Griff. Seine Knie sanken immer tiefer und auch die Hände, mit denen er sich abstützen wollte, gruben sich immer tiefer in den Schlamm.

Er bekam Panik, denn er merkte, dass er schon sehr bald vollkommen untergegangen sein würde. Noch einmal versuchte er, sich lauter bemerkbar zu machen, Sheppard zu Hilfe zu rufen, aber der Schlamm in seinem Mund ließ ihn nur gurgeln und röcheln. Es kam kein einziger Ton über seine Lippen. Scheiße, er konnte doch nicht so sterben! Das war … das war … Die Panik ließ ihn noch heftiger zappeln und damit noch schneller versinken.

Kurz bevor er gänzlich versank, gerade mal seine Stirn und seine Augen lugten noch hervor, hörte er ein Aufklatschen und schon griff jemand nach ihm. Er wurde am Kragen und unter dem Arm gepackt und hochgezogen. Er konnte es im ersten Moment kaum glauben, als er tatsächlich wieder festen Boden unter den Händen spürte, feuchtes Gras und kleine Kieselsteinchen. Eine Welle unendlicher Erleichterung durchflutete Rodney während er spuckte, hustete, keuchte und würgte. Langsam gewann seine Umwelt wieder an Konturen und er stellte fest, dass John ihn festhielt, ihm auf den Rücken klopfte und leise fluchte. Zu Rodneys Erstaunen waren diese Verwünschungen und Flüche aber nicht gegen ihn gerichtet. Viel mehr gegen sich selbst und den Rest der Welt.

Als er wieder halbwegs Luft bekam, stützte John ihn und führte ihn zu einem Fleckchen, an dem man wieder trockenen Boden unter den Füßen hatte. Dort dirigierte er ihn zu einem Felsen, auf den Rodney sofort erschöpft niedersank und das restliche Sumpfwasser ausspuckte. Er sah erst auf, als er spürte, wie John ihm mit einem Taschentuch über das Gesicht wischte. Er hockte vor ihm und versuchte den widerlichen Schlamm von seinen Wangen, den Augen und seinen Lippen zu wischen und sah nun mindestens genauso verdreckt aus wie Rodney.

„Rodney? Rodney, bist du wieder … ich meine kannst du wieder atmen?“, fragte John und musterte Rodney besorgt. „Ist alles soweit in Ordnung? Rodney, bitte sag doch etwas. Bitte sag mir, dass du wieder … dass du es überstanden hast.“

Hektisch streichelte John Rodneys Bein, bevor er ihm dann die Strähnen aus der Stirn strich und einzelne Blättchen aus seinen Haaren zupfte.

Hatte John ihn tatsächlich wieder geduzt und mit seinem Vornamen angesprochen? Rodney wusste, dass das im Moment eigentlich nicht von Bedeutung war, da gab es gesundheitliche Aspekte, um die er sich viel eher mal kümmern sollte. Aber Rodney wurde es bei dem Gedanken daran ganz anders zumute – was natürlich auch einen anderen Grund haben konnte, wie er sich reuig eingestand. Er fasste sich an den Bauch. Seine Kleidung war nass und klebrig, die Haare waren verschmiert und hingen etwas in der Stirn und er fühlte sich furchtbar elend.

„Ich glaube mir wird schlecht. Ich … ich …“

„Bleib noch ein bisschen sitzen, Rodney und ruh dich aus. Wir gehen gleich zurück. Eine schöne heiße Dusche und danach… sieht die Welt schon ganz anders aus.“

Die Welt würde vielleicht ganz anders aussehen, aber sie wäre bestimmt nicht mehr dieselbe.

Er hatte keine Zeit mehr darüber nachzudenken, denn er musste sich krümmen und konnte sich gerade noch abwenden, ehe er mit dem letzten Sumpfwasser auch noch das Abendessen heraus würgte. John verzog mitfühlend das Gesicht, murmelte beruhigende Worte und war sich für einen Moment unschlüssig, ob er ihn noch einmal berühren sollte. Doch dann glitt seine Hand wie automatisch zu Rodneys Rücken und vollführte sanfte kreisende Bewegungen. „Es ist gut, Rodney. Alles wird gut.“ Er hoffte nur, dass er damit recht hatte.

Rodney rappelte sich mit Johns Hilfe wieder auf den Felsen, hustete kurz und atmete gegen die restliche Übelkeit an.

„Was ist mit der toten Frau?“, fragte er mit krächzender Stimme.

„Habe sie ins tiefste Sumpfloch versenkt. Man wird sie jedenfalls niemals finden, aber ihr Mörder läuft noch frei herum. Ich muss ihn finden, sonst hört das kaltblütige Morden niemals auf.“

Rodney war vollkommen erschöpft und bekam kaum noch mit, was John sagte, geschweige denn, wie er ihm auf die Beine half und ihn auf dem Weg zurück zum Haus stützte.

Er kam erst wieder so richtig zu sich, als John ihn entkleidete und in die mit heißem Wasser gefüllte Wanne verfrachtet hatte. Als er sicher war, dass Rodney darin nicht auch noch ertrinken würde, zog er sich zurück, um sich selbst eine Dusche zu gönnen. Doch er hatte Zelenka dazu abbestellt, ein Auge auf Rodney zu werfen. Sicher war sicher.

Nur wie sollte es jetzt weitergehen?

Vielleicht war es nun an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen und ein offenes Gespräch zu suchen. Natürlich wollte er Rodney behutsam an die Wahrheit und den Grund seines Hierseins bringen, doch nach den Ereignissen dieser Nacht …

Ganz zu Schweigen von der ermordeten Frau. Es war nur eine Frage der Zeit bis sie als vermisst gemeldet wurde und dann würden wieder einmal dutzende von Polizisten sein Haus auf den Kopf stellen, weil sie ihn schon seit geraumer Zeit als Tatverdächtigen Nummer 1 für die vielen Vermissten und Ermordeten auf ihrer Liste führten.

Und dann war das noch das Problem mit den anderen Vampiren. Natürlich hatte John einen Verdacht, wer hinter dem Verschwinden einzelner Personen und den grausamen Morden steckte. Und er wusste auch ganz genau, wer ihm andauernd die Polizei und andere Ermittlungsbehörden an den Hals schickte. Alles nur, um ihn aus der Reserve zu locken, ihn mürbe zu machen und zu schwächen. Bis er Fehler machte und ein geradezu perfektes Ziel bot.

Und Rodney? Rodney war seine Schwäche. Auch wenn er sich zu dem etwas arroganten Anwalt mehr als hingezogen fühlte
Rodney hatte schon mehr gesehen als er jemals sehen sollte. Selbst wenn er die Wahrheit schon kennen würde, so würde John sich nicht über die temperamentvollen Ausraster des Mannes wundern.

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